16.08.2018

Wohnen mit AAL - Themenpate Dr. Serge Autexier im Interview

Im Gespräch mit renommierten Experten aus dem AAL Umfeld möchten wir Ihnen die diesjährigen Kongressthemen des AAL Wissenschaftskongress näher vorstellen. Heute haben wir uns mit Dr. Serge Autexier zum Thema "Wohnen mit AAL" unterhalten.

Dr. Serge Autexier

Was ist Ihr Bezug zu „Wohnen mit AAL“?

Seit 2014 leite ich das Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL), eine 60qm große Forschungswohnung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) zum Thema intelligente Assistenzsysteme für zu Hause. Die Wohnung wird vielfältig genutzt: Einerseits für Forschungen nach dem Design for All Prinzip zu den Themen Automatisierung, Personalisierung, Mensch-Technik-Interaktion und einem speziellen Fokus auf Mobilitätsassistenz im Alltag. Gleichzeitig dient sie als Ort zur erfahrbaren Vermittlung der Möglichkeiten, Perspektiven und Herausforderungen dieser Themen für die breite Öffentlichkeit bzw. für spezielle Fokusgruppen. Sie ist integriert in die Lehre sowohl auf universitärer Ebene für informatiknahe Studiengänge, für den interdisziplinären Austausch mit Sozial- und Gesundheitswissenschaften als auch in der Nachwuchsförderung im MINT Bereich.

„Um irgendwann über die reine Heimautomatisierung hinauszugehen, müssen zu Wohnen mit AAL auch AAL Quartiere und Services mitgedacht werden.“

Was macht das Thema „Wohnen mit AAL“ für Sie aus?

Die damit verbundene Herausforderung technische Assistenzen zu gestalten, die den Menschen sehr nah kommen, sehr privat werden, als nützlich angesehen, im Alltag verwendet werden um diesen zu vereinfachen, zu ermöglichen oder sicherer zu machen.

Welche aktuellen Entwicklungen finden Sie besonders spannend? Welche Umsetzungen finden Sie besonders spannend?

Spannend ist, dass es immer mehr Smart Home Systeme gibt, die relativ einfach jeden in die Lage versetzen, sein eigenes Smart Home zu gestalten, das nah herankommt an das, was vor ein paar Jahren noch Zukunftsmusik war. Sprach-basierte Interaktion ist als sehr natürliche Form der Interaktion für jeden erschwinglich geworden, leider zum Preis des Verlustes der Privatsphäre und Schaffung neuer Risiken.

Weiterhin ist spannend, wieviel Dynamik in vielen klassischen Branchen, die mit Haushalt bzw. Wohnen zu tun haben, herrscht, die dieses Thema jetzt auch für sich als relevant entdecken, etwa Hersteller von weißer Ware, Möbel und andere. Spannende Umsetzungen sind vor allem solche, bei denen es sich nicht mehr um geschlossene Systeme eines Herstellers handelt, sondern Umsetzungen, die offen für Vernetzung sind.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, Risiken oder Chancen?

Eine ganz praktische Herausforderung sehe ich darin, wie erreicht werden kann, die Einrichtung und Konfiguration eines Smart Homes niedrigschwellig gestaltbar zu machen, in dem Sinn, dass beim Kauf einer neuen Lampe, eines neuen Sensors, usw. keine Programmierkenntnisse notwendig sind, um diese in die Heim-Automatisierung zu integrieren. Weiterhin, dass auch komplexe Smart Home/AAL Lösungen sich einfach auch im Bestand nachrüsten bzw. einbauen lassen. Schließlich ist eine große Herausforderung, komplexere persönliche Assistenzen mittels Automatisierungen im Smart Home Bereich zu realisieren, die von alleine auch dann sinnvoll funktionieren, wenn mehrere Personen dort wohnen bzw. es mehrere solcher Assistenzen gleichzeitig gibt.

Große Risiken bestehen meiner Ansicht nach darin, dass - wenn es keine passgenauen AAL-Angebote für ein Problem gibt, die ethisch, rechtlich und technisch richtig durchdacht sind - durch die Verfügbarkeit einzelner Komponenten selbst-gebastelte „Lösungen“ entstehen, die in dieser Hinsicht sehr bedenklich sind. Ein Beispiel wäre eine durch den Sohn installierte, schlecht abgesicherte WebCam in der Wohnung der Mutter, um jederzeit schnell sehen zu können, ob es ihr auch gut geht.

Wo sehen Sie das meiste Potential? Wo erwarten Sie die meisten Entwicklungen?

Ein großes Potential besteht dann, wenn tatsächlich die ganzen verschiedenen Systeme bzw. IoT Sensoren miteinander kommunizieren können und wir in der Lage sind komplexere Assistenzprozesse zu entwickeln, die sich selbständig an Vorort vorgefundene Infrastrukturen anpassen, andere Assistenzprozesse berücksichtigen und ein sinnvolles Gesamtverhalten garantieren können.

Viele Entwicklungen erwarte ich vor allem im Bereich von Systemen, die aus dem Verhalten der Nutzer in der häuslichen Umgebungen lernen, und versuchen sich daran anzupassen – mit allen Chancen auf mehr Komfort und Bequemlichkeit einerseits und andererseits Risiken einer dadurch entstehenden Einseitigkeit in den Aktivitäten und der Wahrnehmung für den Einzelnen.

Gibt es eine Handlungsempfehlung, die Sie gerne aussprechen möchten?

Es muss weiter und ggf. mehr Forschung gemacht werden, die die erwähnten und andere Probleme adressiert. Gleichzeitig sollten Informationen und Aufklärung über Chancen und Risiken der Technologien in alle Gesellschaftsbereiche getragen werden, möglichst durch anschauliche und erfahrbare Demonstrationen.

Kurzvita

Dr. Serge Autexier ist Wissenschaftler am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) auf den Gebieten Formale Methoden, Cyber-Physische Systeme und Ambient Assisted Living. Nach Studium und Promotion in Informatik mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz arbeitet er am Standort Saarbrücken und ab 2008 am Standort Bremen. Seit 2014 leitet er die Forschungen und Entwicklungen rund um das Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL) zu den Themen Mensch-technik-Interaktion, Automatisierung, Sicherheit, Personalisierung und Mobilitätsassistenz. Er hat in zahlreichen nationalen und internationalen Forschungsprojekten gearbeitet, hat über 90 Publikationen, wurde 2017 DFKI Research Fellow und leitet aktuell vier Forschungsprojekte.

Im Rahmen des AAL Wissenschaftskongress wird das Thema "Wohnen mit AAL" als Unterthema integriert.

Diese Webseite verwendet Cookies, um dem Besucher eine bessere Surf-Qualität bieten zu können. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen und die Möglichkeit zum Widerruf finden Sie auf unserer Datenschutz Seite
Ich stimme zu | Meldung schließen