06.08.2018

Teilhabe mit AAL - Themenpate Professor Christophe Kunze im Interview

Im Gespräch mit renommierten Experten aus dem AAL Umfeld möchten wir Ihnen die diesjährigen Kongressthemen des AAL Wissenschaftskongress näher vorstellen. Im dritten Teil sprechen wir mit Professor Christophe Kunze zum Thema "Teilhabe von AAL".

Prof. Christophe Kunze

Was ist Ihr Bezug zu „Teilhabe mit AAL“?

Die Förderung der Teilhabemöglichkeiten durch neue Formen des Technikeinsatzes ist das zentrale Motiv der Forschungsarbeiten unseres Instituts Mensch, Technik, Teilhabe an der HFU. Dabei kann es einerseits um die Teilhabe an der digitalen Welt gehen, die für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen heute zum Teil erheblich eingeschränkt ist. Andererseits geht es um die Möglichkeiten neuer Technologien zur Förderung der Teilhabe im Alltag, zum Beispiel zur Förderung der Mobilität für sehbehinderte Menschen oder zur Förderung der sozialen Interaktion für Menschen mit Demenz.

"Technik kann nur dann Teilhabemöglichkeiten erweitern, wenn sie in der Praxis zugänglich ist und der Technikeinsatz begleitet wird."

Was macht das Thema „Teilhabe mit AAL“ für Sie aus?

Die Entwicklung des Anwendungsfeldes AAL ist lange Zeit stark unter dem Blickwinkel des demographischen Wandels und der damit einhergehenden Belastungen für die Sozialsysteme betrachtet worden (Stichwort „Pflegenotstand“). Viele Projekte und Projekt zielen daher auf eine effiziente Versorgung und Zeit- und Kosteneinsparungen in der Pflege ab, um den drohenden Personalmangel abzufedern. Die Perspektive der Teilhabe kommt dabei viel zu kurz. Was ist den betroffenen Menschen wirklich wichtig? In welchen Lebensbereichen wünschen Sie sich mehr Teilhabemöglichkeiten? Technik alleine kann die Versorgungsprobleme in der Pflege nicht lösen, aber Sie könnte einen erheblichen Beitrag dazu leisten, Selbstbestimmung, Versorgungs- und Lebensqualität zu steigern.

Welche aktuellen Entwicklungen finden Sie besonders spannend? Welche Umsetzungen finden Sie besonders spannend?

Die aktuellen Entwicklungen in den Bereichen virtuelle und erweiterte Realität, automatische Bild- und Spracherkennung und auch im Bereich der Low-Cost-Robotik werden in den nächsten Jahren sicherlich viele neuen Anwendungsmöglichkeiten eröffnen. So wie heute Kamerasysteme für blinde Menschen schon Texte vorlesen, Gesichter und Produkte erkennen können, werden in den nächsten Jahren effiziente Systeme zur Kommunikationsunterstützung für viele Menschen verfügbar werden. Hier profitieren Menschen mit Teilhabeeinschränkungen enorm von der rasanten Weiterentwicklung der Consumertechnik.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, Risiken oder Chancen?

Zur Förderung von Teilhabe muss Technik in einem komplexen Anwendungskontext zum Einsatz kommen. Eine erfolgreiche Technikaneignung in der Praxis erfordert dabei meist auch angepasste organisatorische Strukturen und Prozesse, Schulung und Begleitung. Bisher wird dies meiner Ansicht nach noch viel zu wenig berücksichtigt. Und natürlich ist Technikeinsatz immer ambivalent und kann auch unbeabsichtigte Folgen haben und ethische Probleme mit sich bringen. Das gleiche gilt aber auch für die Nichtnutzung von verfügbarer Technik.

Wo sehen Sie das meiste Potential? Wo erwarten Sie die meisten Entwicklungen?

Bisher noch relativ wenig betrachtet ist das Potential von Consumertechnik zur Förderung von Teilhabe. Smartphones haben die Teilhabemöglichkeiten von blinden Menschen zum Beispiel erheblich erweitert, ein gutes aktuelles Beispiel sind Sprachassistenten, die von vielen Personengruppen sinnvoll eingesetzt werden können. Menschen mit Einschränkungen benötigen aber Beratung, Begleitung und individuelle Anpassung für einen erfolgreichen Technikeinsatz. Immobilen, bettlägerigen Patienten könnten verfügbare Telepräsenzsysteme oder auch VR-Systeme neue Teilhabemöglichkeiten (z.B. virtuelles Reisen) erschließen – aber wie vielen betroffenen Menschen ist dies heute in der Praxis zugänglich? Technische Assistenzsysteme können ihr Potential zur Förderung der Teilhabe daher nur entfalten, wenn Ressourcen zur Begleitung von Betroffen verfügbar sind und finanziert werden können.

Kurzvita

Professor Dr. Christophe Kunze ist Professor für assistive Gesundheitstechnologien im Fachbereich angewandte Gesundheitswissenschaften und Vorstand des Instituts Mensch, Technik, Teilhabe (IMTT) an der Hochschule Furtwangen (HFU). Seine Forschungsinteressen umfassen die nutzerzentrierte und partizipative Gestaltung von assistiven Technologien, die Untersuchung von Rahmenbedingungen und Wirkungen teilhabefördernder Technik und des Technikeinsatzes in Pflege und Betreuung sowie die digitale Transformation der Gesundheits- und Sozialwirtschaft.

Im Rahmen des AAL Wissenschaftskongress wird das Thema "Teilhabe von AAL" als Unterthema integriert.

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