02.10.2018

Freiheit versus Überwachung - Diskussionsrunde zu „Aspekte des Technikeinsatzes in der Pflege" - Teil 1

Chancen und Risiken der Unterstützung durch Technologie stehen im Mittelpunkt der Diskussionsrunde des AAL Praxiskongress am 12. Oktober 2018. Erfahren Sie im ersten Teil der Reihe zur Diskussionsrunde, welche Themen Sie erwarten.

Dr. Katrin Grüber, Leiterin des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft IMEW, urteilt über die Bedeutung dieser Themenstellung: „Der Gegensatz zwischen dem positiven Begriff Freiheit und dem negativen Begriff Überwachung erscheint auf den ersten Blick plausibel. Für eine verantwortungsvolle Bewertung von Technik in der Pflege lohnt es sich aber, erstens genauer hinzuschauen, und zweitens die Grundlagen zu hinterfragen. Schließlich kann Freiheit wie das Leben in der eigenen Wohnung auch durch die Weitergabe von Daten, d.h. eine Überwachung, ermöglicht werden.“

Dr. Bettina Willigers Blick kommt aus der Fraunhofer Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS): „Hinsichtlich der technischen Unterstützung lassen sich zwei Anwendungsfälle unterscheiden: Systeme, die die Selbständigkeit der Pflegebedürftigen fördern, und Systeme zur Unterstützung der Pflegekräfte und der Angehörigen. Für beide Zielgruppen sind zahlreiche Lösungen auf dem Markt verfügbar bzw. in Entwicklung“. Die Expertin greift Beispiele heraus – für die Unterstützung von Pflegebedürftigen mit erhöhtem Sturz- oder Dekubitus-Risiko und zur Verbesserung der Arbeitsorganisation ambulanter Pflegekräfte.

Konkreter Nutzen ausschlaggebend

Empirische Untersuchungen zur Akzeptanz von Pflegetechnik sowohl aus der Perspektive der Pflegebedürftigen wie auch der Pflegenden zeigen, unter welchen Bedingungen technische Innovationen in der Pflege akzeptiert und genutzt werden. Wichtige Einflussfaktoren sind insbesondere die empfundene Nützlichkeit, so Dr. Williger: „Pflegetechnik muss einerseits mit einem konkreten Nutzen für den Pflegebedürftigen oder Pflegenden verbunden und andererseits möglichst einfach zu bedienen sein. Beide Aspekte stehen in Zusammenhang mit Faktoren wie der Technikbiographie, kognitiven Fähigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften sowie dem sozialen und räumlichen Umfeld“.

Ethische Herausforderungen im AAL-Kontext unvermeidbar

Wenn technische Innovationen das Leben direkt oder indirekt berühren, ist dies meist mit ethischen Herausforderungen verbunden, erläutert Dr. Bettina Williger weiter. Eine ethische Betrachtung hilft, kritische Fragen der Techniknutzung zu durchdenken und nachfolgende Entscheidungen zu vertreten. Grundsätzlich sollte die Lebensqualität der Pflegebedürftigen oberstes Ziel des Technikeinsatzes in der Pflege sein; er kann aber auch dazu beitragen, die immer knapper werdenden personellen Ressourcen in der Pflege besser einzusetzen und die erwünschte Qualität zu ermöglichen. Die Bewertung von Technik, etwa von Pflege-Robotern, wird fallspezifisch ausfallen. Daher ist es wichtig, möglichst frühzeitig eine ethische Betrachtung durch ein interdisziplinäres Expertengremium vorzunehmen. Relevante Aspekte beleuchtet beispielsweise das MEESTAR-Modell zur ethischen Bewertung altersgerechter Assistenzsysteme die Aspekte Fürsorge, Selbstbestimmung/Autonomie, Sicherheit, Privatheit, Gerechtigkeit, Teilhabe und Selbstverständnis. Daneben spielen Datenschutzfragen eine Rolle bei einer ethischen Bewertung, fasst die Expertin zusammen.

Prof. Dr. phil. Cornelia Kricheldorff von der Katholischen Hochschule Freiburg bezieht sich insbesondere auf ein Projekt, in dem es um Technikunterstützung bei Demenz im Quartier geht: Sie war eingebunden beim Beirat von mobQdem und ist involviert beim Folgeprojekt Ease-iT. Ihr Institut entwickelt in diesem Kontext ein Curriculum für Pflegekräfte, das vor allem den Abbau von Nutzungsbarrieren zum Ziel hat. „Die Auseinandersetzung mit Fragen der Ermöglichung von Autonomie und der Schaffung von Rahmenbedingungen für Lebensqualität im Alter, auch bei Hilfe- und Pflegebedarf, bestimmt seit Jahren maßgeblich gerontologische Fachdebatten sowie inhaltliche Ausrichtungen und Schwerpunkte in der Forschung“, sagt die Expertin. Wie ist das Ausmaß individueller Wahlmöglichkeiten in der Gestaltung des Alltags, welche Einflussfaktoren bestimmen gelingendes Altern? Neben diesen haben auch Fragen nach geeigneten Rahmenbedingungen und Strukturen Gewicht, die das individuelle Erleben von Sicherheit im Alltag positiv beeinflussen können – speziell dann, wenn Veränderungen im sozialen Umfeld und in der individuellen Lebenssituation zu bewältigen sind.

Die Diskussionsrunde findet am 12. Oktober von 14.30 Uhr bis 15.15 Uhr statt. Sie sind herzlich eingeladen mit unseren Referenten zu dikutiere - stellen Sie Ihre Fragen und teilen Sie Ihren Erfahrungen mit uns!

Dieser Beitrag stammt von Mirjam Bauer und Michael Reiter.

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