31.08.2018

Technologie unterstützt Menschen mit Demenz

Ein herausragendes Beispiel für das starke Informationsangebot beim AAL Praxiskongress ist der Vortrag „Technische Unterstützungssysteme für Menschen mit Demenz“ von Prof. Dr. Christophe Kunze am 12. Oktober um 15.15 Uhr.

Prof. Dr. Christophe Kunze

Der Professor für Assistive Gesundheitstechnologien an der Fakultät Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft an der Hochschule Furtwangen zeigt hier Chancen ebenso auf wie Beschränkungen und Barrieren.

Ursachen und Formen neurodegenerativer Erkrankungen weisen eine große Bandbreite auf – und auch das Versorgungsspektrum ist groß. Die Hilfsmittel für diesen unterschiedlichen Bedarf lassen sich in mehrere Bereiche einteilen: Zum einen stehen Systeme zur frühen Unterstützung demenzerkrankter Menschen zur Verfügung, sie zielen auf die Erhaltung der Alltagskompetenz und die Förderung der Selbstständigkeit ab. In die nächste Kategorie fallen Systeme, die in mittleren und späten Phasen der Demenz die soziale Interaktion und den Erhalt der Identität fördern sollen. Daneben gibt es vielfältige Sicherheitssysteme. Die technischen Systeme stehen jeweils für die ambulante und stationäre Versorgung zur Verfügung.

Bandbreite an technischen Lösungen

Als Produktbeispiele für die frühe Unterstützung nennt Prof. Dr. Kunze Erinnerungssysteme wie Medikamenten-Ausgabesysteme, die an die Einnahmezeit erinnern, „Objektfinder“ wie bimmelnde Schlüssel oder Brillen sowie einfache Orientierungshilfen wie Aufkleber und Markierungsschilder an Türen, Regalen und ähnlichen Orten oder auch Teller mit farblichen markiertem Rand. Allgemein handelt es sich hierbei meist um unkomplexe Produkte, mitunter auch digitale Angebote, für das selbstständige Agieren und somit die Verlängerung des autonomen Lebens.

Reicht die Alltagskompetenz für Autonomie nicht mehr aus, so lassen sich Betroffene, Angehörige und ambulant Pflegende mit Sicherungssystemen unterstützen. Hilfsmittel für die frühen wie auch für diese Phasen reichen von der automatischen Herdabschaltung bis zu Notrufsystemen und GPS-Tracking zum Lokalisieren bei Weglauf-Tendenzen bzw. Orientierungslosigkeit. Manche Apps helfen den Erkrankten spielerisch oder über Fotos aus ihrem Leben, ihr Erinnerungsvermögen zu aktivieren – so lassen sich in dieser Phase der sozialen Betreuung die Lebensqualität fördern, die Identität erhalten und die Kommunikation mit anderen aktiv halten. Diese Systeme ermöglichen Risikovermeidung und Reduktion der Krankheitsfolgen, sie bringen mehr Sicherheit auch für Angehörige und einen Wohlfühlfaktor. Einen Überblick über Systeme auch im stationären Bereich kündigt der Experte Interessierten auf dem AAL Praxiskongress an.

Viele der Produkte haben nur kurze Lebenszyklen – das heißt: Hersteller und Produkte sind kurzlebig und müssen immer wieder neu recherchiert und ggf. getestet werden. Produkte zum Finden von Gegenständen sind hierfür ein typisches Beispiel. In Deutschland sind solche Produkte kaum an „üblichen Anlaufstellen“ wie Sanitätshäusern zu erwerben; einige Produkte gibt es nur im Ausland, etwa in Skandinavien oder Großbritannien, bzw. über das Internet zu kaufen. Bei der Beratung zur Auswahl helfen meist auch Beratungsstellen bzw. Pflegestützpunkte nicht weiter.

Ethische Aspekte

Wer entscheidet über den Einsatz von Systemen – Angehörige, Vormund, Arzt? „Die Frage von eigenem Willen und Einwilligungsfähigkeit ist bei Menschen mit Demenz insbesondere in späten Phasen schwierig zu klären“, betont Prof. Dr. Kunze. Beim Technikeinsatz werden in der Praxis oft ethische Fallbesprechungen zwischen Angehörigen und Betreuungspersonen vorgenommen. Bei der Überwachung einer Person durch GPS-Tracking könnte beispielsweise eine Rolle spielen, ob die inzwischen demente Person eher risikofreudig war oder nicht.

Enormer Informations- und Qualifizierungsbedarf

Was können Betroffene und Angehörige tun? Sie sollten Berater, Pflegedienste, Selbsthilfegruppen identifizieren. Allerdings zeigte beispielsweise eine Studie der Hochschule Furtwangen bei Pflegeberatern in Baden-Württemberg: Das Thema assistive Technik „ist wichtig“, aber es kennt sich kaum jemand aus. Das Beratungsangebot muss somit laut Prof. Dr. Kunze dringend ausgebaut werden. „Neben diesen Informationsressourcen ist die Qualifizierung der Fachkräfte nötig, die mit den Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen arbeiten – den Beratern des Seniorenbüros und dem Personal der Pflegedienste. Auch Weiterbildungsmaßnahmen helfen; Kurse gibt es unter anderem an der Hochschule Furtwangen.“ Hilfreich wäre auch, mehr Gestaltungskompetenzen in lokale und kommunale Strukturen zu bringen, ähnlich wie das in Skandinavien geschieht. In diese Strukturen könnten dann technische Systeme stärker eingebunden werden.

Auch an die Kostenträger hat Prof. Dr. Kunze eine Handlungsaufforderung: Von ihnen sollten mehr Impulse kommen – etwa zu Studien für mehr Evidenz.

Finanzierung technischer Lösungen

Bisher tragen Kassen Kosten nur für wenige technische Systeme, vieles wird von Selbstzahlern – Betroffenen bzw. Angehörigen – übernommen, so der Experte., was in der Konsequenz zu sozialer Ungleichheit führt. Neben der Finanzierung bildet auch die Schwierigkeit, einzuschätzen, ob ein konkretes Produkt dem individuellen Menschen mit Demenz hilft, eine Barriere: Wer ein Hilfsmittel finanziert hat, das keine Erfolge bringt, schafft häufig aus Vertrauensmangel kein weiteres an. Verleihsysteme wären besser geeignet als Kauf.

Zum Institut Mensch, Technik und Teilhabe (IMTT)

Prof. Dr. Christophe Kunze ist seit 2015 Vorstand des IMTT an der Hochschule Furtwangen, das aktuelle Forschungsprojekte an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik in den Anwendungsfeldern Gesundheit, Pflege und Teilhabe bündelt. Das Institut entwickelt auch technische Hilfsmittel selbst, etwa zur digitalen Erinnerungspflege. Bedarfserhebung, Konzeption, Evaluierung eigener und fremder Produkte sowie Weiterqualifizierung sind weitere Aktivitäten. Das IMTT hat ein großes Netzwerk, ist jedoch offen für Kooperationen.

Dieser Beitrag stammt von Mirjam Bauer und Michael Reiter.

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