News Praxiskongress

2018-09-24
Freiheit oder Überwachung?

Dr. Bettina Williger studierte Informationswissenschaft und Psychologie an der Universität Regensburg und promovierte am Institut für Psychogerontologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zum Thema Techniknutzung im Alter. Bettina Williger arbeitet seit 2015 als Leitende Wissenschaftlerin bei der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS. Dabei erforscht sie in unterschiedlichen Lebensbereichen (z.B. Pflege, Gesundheit, Arbeit, Nahversorgung) die Effekte der Digitalisierung für den Menschen.

Dr. Bettina Willinger

"Freiheit oder Überwachung? Die Frage ist nicht in einem Satz zu beantworten: vielmehr sollten wir im Einzelfall entscheiden, wann der Einsatz von Technik einen Nutzen für den Pflegebedürftigen und die Pflegekräfte hat. Dabei spielen die Art der technischen Unterstützung, die besondere Pflegesituation, aber auch die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Betroffenen eine große Rolle."

2018-09-19
Das Pflegeinnovationszentrum (PIZ) „Zukunft der Pflege“

Ein Beispiel für das starke Informationsangebot beim AAL Praxiskongress ist der Vortrag „Das Pflegecluster Zukunft der Pflege – Pflegeinnovationszentrum und Pflegepraxiszentren für innovative Pflegetechnik“ von Prof. Dr.-Ing. Andreas Hein am 12. Oktober 2018. Er ist Sprecher des Bereichs Gesundheit des OFFIS – Institut für Informatik und leitet die Abteilung Assistenzsysteme und Medizintechnik im Department für Versorgungsforschung der Universität Oldenburg.

Prof. Dr.-Ing. Andreas Hein

Dieses noch junge Cluster wurde im Juni 2017 ins Leben gerufen. Das Projekt – Teil der Förderlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zum Thema „Mensch-Technik-Interaktion im Kontext Pflege“ – umfasst neben dem Pflegeinnovationszentrum (www.pflegeinnovationszentrum.de) vier Pflegepraxiszentren in Hannover, Berlin, Freiburg und Nürnberg. Es zielt darauf ab, die Forschung zur Technikentwicklung, die Bedarfsanalyse in der Praxis, die Evaluation neuer Technologien, die Qualifikationsentwicklung und die Reflektion von Ethik und Verantwortung zusammenzubringen. „Die Praxiszentren – gestartet im Februar 2018 – sollen, von einem Pflegeanbieter geleitet, existierende Pflegetechniken evaluieren, in einem größeren Umfang verfügbar machen und beweisen, dass der Technikeinsatz etwas bringt. Die Zentren leisten den Transfer in die Praxis, wir als Innovationszentrum hingegen entwickeln innovative Techniken“, erklärt Professor Hein, der mit fünf weiteren Experten den Vorstand des PIZ stellt.

Körperliche Entlastung im Mittelpunkt

Während andere Projekte den Schwerpunkt auf Erleichterungen bei der Pflegedokumentation legen, beschäftigt sich das PIZ mit Entlastung der Pflegenden bei der körperlichen Arbeit – also etwa beim Umlagern und beim Transport. Derzeit, so der Fachmann weiter, geht es insbesondere um den ambulanten Bereich. Hier beklagen die Pflegenden, dass sie allein gelassen werden mit unbekannten Situationen und Konflikten – in oft unstrukturierten Situationen. In diesem Zusammenhang tritt die Frage auf, wie man Pflegende in der Ausbildung hierauf vorbereiten kann. Das ist eine Herausforderung, die künftig in Anbetracht des demographischen Wandels und der Versorgungsengpässe im ländlichen Raum noch an Bedeutung gewinnt.

Nach dem anfänglichen Fokus des PIZ auf dem ambulanten Bereich wendet sich in den folgenden vier Jahren das Hauptaugenmerk auf die Bereiche Stationäre Pflege, Intensivpflege und Pflegedienstzentrale.

Auf dem Weg zu einem Gütesiegel für Technologie

Eine Konferenz in Oldenburg Anfang Juni 2018 zeigte erste Ergebnisse aus dem Praxiszentrum Freiburg: Dort prüften Sensoren in den Betten die Belastungen, die Umlagerungen nötig machen. Ein Real-Labor im Innovationszentrum stellte den Einsatz von Technologien im ambulanten Bereich nach. Konkret wird beispielsweise über Monitoring im häuslichen Umfeld die Situation vor Ort so präsentiert, dass zu erkennen ist, was der Pflegende allein leisten kann – und was nicht. In der Folge kam eine erste Robotikkomponente dazu, die aus der Ferne den allein Pflegenden unterstützt, um seinen Körper zu schonen. Fragen wie „Wie halte ich den Patienten, wenn ich ihn gerade umlagere“; „Kann der Vorgang mit Einsatz eines Roboters körperschonender passieren?“ erläutern diese Demonstrationen.

Das Zentrum in Nürnberg baut einen strukturierten Prozess auf, der Firmen und Forschungseinrichtungen bewertet und evaluiert. Ziel ist ein „Gütesiegel“ für die Praxistauglichkeit und Wirksamkeit, für rechtliche Zulässigkeit und ethische Vertretbarkeit. Es soll ferner eine „Vorprüfung“ in Richtung der Vergütungsmöglichkeiten beinhalten.

Akzeptanz für Technologie aufbauen

Es geht bei diesem Projekt weniger um die Erreichung konkret messbarer Ziele als um die Schaffung von Akzeptanz für Technik in der Pflege, den breiteren Praxiseinsatz, die Schaffung von Evidenz und das Greifbarmachen von Technologien. Prof. Dr. Hein: „Wir wollen ein ‚Was ist möglich-Gefühl‘ bei den praktisch Pflegenden sowie auch in den Leitungsebenen erreichen und den Pauschalvorbehalt gegen den Technikeinsatz aufheben … und zeigen, was möglich ist – mit einer weiteren Konkretisierung im Laufe der Projektjahre.“

2018-09-05
Wer bestimmt, welche Assistenzsysteme zugelassen werden?

Der Autor vieler Publikationen zum Heim-, Sozialversicherungs-, Senioren und Wirtschaftsrecht spricht im AAL Praxiskongress über die "Nachhaltige Finanzierung von AAL Lösungen für Pflegeeinrichtungen".

Prof. Ronald Richter

„Technische Assistenzsysteme sind in der stationären Pflege über die Investitionskosten zu refinanzieren. Dazu aber muss die Investition angemessen sein. Im häuslichen (ambulanten) Bereich stehen für Maßnahmen der Wohnumfeldverbesserung pro Maßnahme 4.000,00 € zur Verfügung, wenn nachweislich die Pflege erleichtert oder ermöglicht wird.

Wer bestimmt, welche Assistenzsysteme zugelassen werden bzw. angemessen sind? Entscheidet letztlich der sog. externe Vergleich, also die Antwort auf die Frage, was die Mitbewerber anbieten? Wer bestimmt, was nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch nachweislich die Pflege erleichtert? Wie werden Modellprojekte in die Rechtswirklichkeit überführt?“

Sichern Sie sich Ihr Ticket für den AAL Praxiskongress am 12. Oktober 2018 und erfahren Sie mehr über die Finanzierung von AAL Lösungen.

2018-08-31
Technologie unterstützt Menschen mit Demenz
Prof. Dr. Christophe Kunze

Der Professor für Assistive Gesundheitstechnologien an der Fakultät Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft an der Hochschule Furtwangen zeigt hier Chancen ebenso auf wie Beschränkungen und Barrieren.

Ursachen und Formen neurodegenerativer Erkrankungen weisen eine große Bandbreite auf – und auch das Versorgungsspektrum ist groß. Die Hilfsmittel für diesen unterschiedlichen Bedarf lassen sich in mehrere Bereiche einteilen: Zum einen stehen Systeme zur frühen Unterstützung demenzerkrankter Menschen zur Verfügung, sie zielen auf die Erhaltung der Alltagskompetenz und die Förderung der Selbstständigkeit ab. In die nächste Kategorie fallen Systeme, die in mittleren und späten Phasen der Demenz die soziale Interaktion und den Erhalt der Identität fördern sollen. Daneben gibt es vielfältige Sicherheitssysteme. Die technischen Systeme stehen jeweils für die ambulante und stationäre Versorgung zur Verfügung.

Bandbreite an technischen Lösungen

Als Produktbeispiele für die frühe Unterstützung nennt Prof. Dr. Kunze Erinnerungssysteme wie Medikamenten-Ausgabesysteme, die an die Einnahmezeit erinnern, „Objektfinder“ wie bimmelnde Schlüssel oder Brillen sowie einfache Orientierungshilfen wie Aufkleber und Markierungsschilder an Türen, Regalen und ähnlichen Orten oder auch Teller mit farblichen markiertem Rand. Allgemein handelt es sich hierbei meist um unkomplexe Produkte, mitunter auch digitale Angebote, für das selbstständige Agieren und somit die Verlängerung des autonomen Lebens.

Reicht die Alltagskompetenz für Autonomie nicht mehr aus, so lassen sich Betroffene, Angehörige und ambulant Pflegende mit Sicherungssystemen unterstützen. Hilfsmittel für die frühen wie auch für diese Phasen reichen von der automatischen Herdabschaltung bis zu Notrufsystemen und GPS-Tracking zum Lokalisieren bei Weglauf-Tendenzen bzw. Orientierungslosigkeit. Manche Apps helfen den Erkrankten spielerisch oder über Fotos aus ihrem Leben, ihr Erinnerungsvermögen zu aktivieren – so lassen sich in dieser Phase der sozialen Betreuung die Lebensqualität fördern, die Identität erhalten und die Kommunikation mit anderen aktiv halten. Diese Systeme ermöglichen Risikovermeidung und Reduktion der Krankheitsfolgen, sie bringen mehr Sicherheit auch für Angehörige und einen Wohlfühlfaktor. Einen Überblick über Systeme auch im stationären Bereich kündigt der Experte Interessierten auf dem AAL Praxiskongress an.

Viele der Produkte haben nur kurze Lebenszyklen – das heißt: Hersteller und Produkte sind kurzlebig und müssen immer wieder neu recherchiert und ggf. getestet werden. Produkte zum Finden von Gegenständen sind hierfür ein typisches Beispiel. In Deutschland sind solche Produkte kaum an „üblichen Anlaufstellen“ wie Sanitätshäusern zu erwerben; einige Produkte gibt es nur im Ausland, etwa in Skandinavien oder Großbritannien, bzw. über das Internet zu kaufen. Bei der Beratung zur Auswahl helfen meist auch Beratungsstellen bzw. Pflegestützpunkte nicht weiter.

Ethische Aspekte

Wer entscheidet über den Einsatz von Systemen – Angehörige, Vormund, Arzt? „Die Frage von eigenem Willen und Einwilligungsfähigkeit ist bei Menschen mit Demenz insbesondere in späten Phasen schwierig zu klären“, betont Prof. Dr. Kunze. Beim Technikeinsatz werden in der Praxis oft ethische Fallbesprechungen zwischen Angehörigen und Betreuungspersonen vorgenommen. Bei der Überwachung einer Person durch GPS-Tracking könnte beispielsweise eine Rolle spielen, ob die inzwischen demente Person eher risikofreudig war oder nicht.

Enormer Informations- und Qualifizierungsbedarf

Was können Betroffene und Angehörige tun? Sie sollten Berater, Pflegedienste, Selbsthilfegruppen identifizieren. Allerdings zeigte beispielsweise eine Studie der Hochschule Furtwangen bei Pflegeberatern in Baden-Württemberg: Das Thema assistive Technik „ist wichtig“, aber es kennt sich kaum jemand aus. Das Beratungsangebot muss somit laut Prof. Dr. Kunze dringend ausgebaut werden. „Neben diesen Informationsressourcen ist die Qualifizierung der Fachkräfte nötig, die mit den Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen arbeiten – den Beratern des Seniorenbüros und dem Personal der Pflegedienste. Auch Weiterbildungsmaßnahmen helfen; Kurse gibt es unter anderem an der Hochschule Furtwangen.“ Hilfreich wäre auch, mehr Gestaltungskompetenzen in lokale und kommunale Strukturen zu bringen, ähnlich wie das in Skandinavien geschieht. In diese Strukturen könnten dann technische Systeme stärker eingebunden werden.

Auch an die Kostenträger hat Prof. Dr. Kunze eine Handlungsaufforderung: Von ihnen sollten mehr Impulse kommen – etwa zu Studien für mehr Evidenz.

Finanzierung technischer Lösungen

Bisher tragen Kassen Kosten nur für wenige technische Systeme, vieles wird von Selbstzahlern – Betroffenen bzw. Angehörigen – übernommen, so der Experte., was in der Konsequenz zu sozialer Ungleichheit führt. Neben der Finanzierung bildet auch die Schwierigkeit, einzuschätzen, ob ein konkretes Produkt dem individuellen Menschen mit Demenz hilft, eine Barriere: Wer ein Hilfsmittel finanziert hat, das keine Erfolge bringt, schafft häufig aus Vertrauensmangel kein weiteres an. Verleihsysteme wären besser geeignet als Kauf.

Zum Institut Mensch, Technik und Teilhabe (IMTT)

Prof. Dr. Christophe Kunze ist seit 2015 Vorstand des IMTT an der Hochschule Furtwangen, das aktuelle Forschungsprojekte an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik in den Anwendungsfeldern Gesundheit, Pflege und Teilhabe bündelt. Das Institut entwickelt auch technische Hilfsmittel selbst, etwa zur digitalen Erinnerungspflege. Bedarfserhebung, Konzeption, Evaluierung eigener und fremder Produkte sowie Weiterqualifizierung sind weitere Aktivitäten. Das IMTT hat ein großes Netzwerk, ist jedoch offen für Kooperationen.

Dieser Beitrag stammt von Mirjam Bauer und Michael Reiter.

2018-01-18
Planungen für AAL Praxiskongress gestartet

Technische Assistenzsysteme in der Pflege - was ist erlaubt? Wie lassen sich AAL-Lösungen in Pflegeeinrichtungen finanzieren? Und wie werden technische Hilfen bereits heute erfolgreich in unseren Nachbarländern eingesetzt? AAL aus Sicht der Wohnungswirtschaft - welche Erfahrungen wurden hier bereits gemacht?

Seien auch Sie dabei und diskutieren Sie mti Verbänden, Herstellern und Wissenschaftlern!

Das fertige Programm des AAL Praxiskongress finden Sie ab Mai auf unserer Seite.

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