News Praxiskongress

2018-10-09
AAL - eine Frage des Vertrauens
Dr. Martin Kampel

Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Bildverarbeitung, im Speziellen beschäftigt er sich mit Fragestellungen aus den Bereichen 3D Bild- und Videoanalyse. Er war zudem Gastforscher an den Universitäten Zürich, Brescia und Istanbul und ist regelmäßig als wissenschaftlicher Leiter und Koordinator in nationalen und internationalen Projekten tätig. Martin Kampel ist Autor bzw. Koautor von mehr als 100 wissenschaftlichen Beiträgen bei internationalen Konferenzen und Workshops. Des Weiteren ist er Ingenieurkonsulent für Informatik und allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger.

„Der demografische Wandel zählt zu den größten globalen Herausforderungen der Zukunft. Zunehmend steigende Lebenserwartung erfordert Maßnahmen, die den Pflegealltag drastisch erleichtert. Die AAL Austria unterstützt Unternehmen in Österreich, die sich auf moderne Altersgerechte Assistenztechnologien spezialisiert haben. Ein Thema, das oft noch, aufgrund von Angst vor neuen, vermeintlich komplexen Technologien, auf Widerstand stößt. AAL Austria fördert den Auf- und Ausbau des AAL-Netzwerks, schafft Sichtbarkeit und Vertrauen für ein Thema, für das sowohl auf wissenschaftlicher als auch wirtschaftlicher und politischer Ebene heute Maßnahmen für die Zukunft gesetzt werden müssen.“

2018-10-03
Freiheit versus Überwachung - Diskussionsrunde zu „Aspekte des Technikeinsatzes in der Pflege

Im zweiteln Teil in der Reihe zur Diskussionsrunde erfahren Sie, welche weitere Themen Sie in der Diskussionsrunde erwarten. Kommen Sie zum AAL Praxiskongress und diskutieren Sie mit.

Demenz: AAL-Technik hilfreich für Kontinuität

Familiäre Netzwerke werden vielfach brüchiger und Beziehungen verändern sich. Alternative Unterstützungsressourcen im sozialen Nahraum erhalten deshalb eine wachsende Bedeutung“, betont Dr. Kricheldorff. Dies gilt besonders für Menschen mit Demenz, deren individuelles Erleben im Verlauf der Erkrankung immer stärker von Unsicherheit und Diskontinuität geprägt wird. Vor allem für deren Verbleib in der gewohnten Umgebung und in der Häuslichkeit sind deshalb Maßnahmen hilfreich, die Unsicherheiten und Ängste reduzieren können und die Erfahrung von Kontinuität erhöhen. Zunehmend sind diese mit technischen Systemen verbunden. Erfolgreiche Modellprojekte zum Altern in Sozialraum und Quartier sowie Forschungsergebnisse verweisen hierbei auch auf die Theorien der Ökogerontologie mit zentraler Bedeutung der Person-Umwelt-Passung. Dabei geht es darum, im Sinne innerer und äußerer Kontinuität sowohl subjektiv bedeutsame Kontakte und Beziehungen aufrechterhalten zu können, als auch soziale Teilhabe und biografische Kontinuität in einem gewohnten Umfeld zu gewährleisten. Prof. Dr. Kricheldorff: „Letztlich sind die Erfahrungen aus mobQdem ein wichtiger Baustein für die Realisierung verbesserter Versorgungsrealitäten für Menschen mit Demenz und für eine gelingende Demenzstrategie in Kommunen. Zentral geht es dabei um die Achtung vor der Person des Menschen mit Demenz, aber auch um den gegenseitigen Respekt im Sinne der Abwägung von Bedürfnissen zwischen Angehörigen und Gepflegten.“

Nutzerbedürfnisse ausschlaggebend im Spannungsfeld

Die Gerontologin (FH) Annette Hoppe managt den „Service zwischen Menschen und Technik“ und setzt ihren Schwerpunkt in der Einbindung der Nutzerbedürfnisse bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen. „Für meine Mutter und mich bedeutet die Nutzung eines AAL-Systems die Rückkehr zur Freiheit und somit zu einem echten Mutter-Tochter Verhältnis“, erklärt Hoppe. Sie betont: „Der Unterstützungs-, Pflege- und Therapiebedarf ist höchst individuell – ‚eine Einheitslösung für alle und alles‘ gibt es nicht. Daher ist es wichtig, dass sich nicht der Mensch an die Technik, sondern die Technik an den Menschen anpassen muss.“

Sind ethische Aspekte bei der Entwicklung und Nutzung von Assistenzsystemen mit einbezogen, können diese ein autonomes Leben zuhause unterstützen und präventiv wirken. Sie können beispielsweise Veränderungen im täglichen Lebensablauf, etwa durch abnehmenden Wasser- und Stromverbrauch oder abweichenden Schlafrhythmus, erkennen und so wertvolle Hinweise auf eine mögliche Gefährdung geben.

Hoppe weiß: „Nicht die Technik ist dabei das Problem, sondern die Service-Infrastruktur dahinter. So muss beispielsweise jemand einen automatisierten Notruf annehmen und Hilfe veranlassen. Was nutzt der beste Fallschirm, wenn es keinen Gurt dafür gibt?“

Den AAL Praxiskongress mit dieser Diskussion mitzuerleben lohnt sich: Der tatsächliche Nutzen von Technik wird wohl beim „Ethik-Diskussionsforum“ eine zentrale Rolle spielen. Im Kontext des Technikeinsatzes ist Akzeptanz für gewisse Einschränkungen bei Persönlichkeitsrechten zu erwarten, wenn sie einem signifikanten Gewinn an Autonomie gegenüberstehen.

Dieser Beitrag stammt von Mirjam Bauer und Michael Reiter.

2018-10-02
Freiheit versus Überwachung - Diskussionsrunde zu „Aspekte des Technikeinsatzes in der Pflege

Dr. Katrin Grüber, Leiterin des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft IMEW, urteilt über die Bedeutung dieser Themenstellung: „Der Gegensatz zwischen dem positiven Begriff Freiheit und dem negativen Begriff Überwachung erscheint auf den ersten Blick plausibel. Für eine verantwortungsvolle Bewertung von Technik in der Pflege lohnt es sich aber, erstens genauer hinzuschauen, und zweitens die Grundlagen zu hinterfragen. Schließlich kann Freiheit wie das Leben in der eigenen Wohnung auch durch die Weitergabe von Daten, d.h. eine Überwachung, ermöglicht werden.“

Dr. Bettina Willigers Blick kommt aus der Fraunhofer Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS): „Hinsichtlich der technischen Unterstützung lassen sich zwei Anwendungsfälle unterscheiden: Systeme, die die Selbständigkeit der Pflegebedürftigen fördern, und Systeme zur Unterstützung der Pflegekräfte und der Angehörigen. Für beide Zielgruppen sind zahlreiche Lösungen auf dem Markt verfügbar bzw. in Entwicklung“. Die Expertin greift Beispiele heraus – für die Unterstützung von Pflegebedürftigen mit erhöhtem Sturz- oder Dekubitus-Risiko und zur Verbesserung der Arbeitsorganisation ambulanter Pflegekräfte.

Konkreter Nutzen ausschlaggebend

Empirische Untersuchungen zur Akzeptanz von Pflegetechnik sowohl aus der Perspektive der Pflegebedürftigen wie auch der Pflegenden zeigen, unter welchen Bedingungen technische Innovationen in der Pflege akzeptiert und genutzt werden. Wichtige Einflussfaktoren sind insbesondere die empfundene Nützlichkeit, so Dr. Williger: „Pflegetechnik muss einerseits mit einem konkreten Nutzen für den Pflegebedürftigen oder Pflegenden verbunden und andererseits möglichst einfach zu bedienen sein. Beide Aspekte stehen in Zusammenhang mit Faktoren wie der Technikbiographie, kognitiven Fähigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften sowie dem sozialen und räumlichen Umfeld“.

Ethische Herausforderungen im AAL-Kontext unvermeidbar

Wenn technische Innovationen das Leben direkt oder indirekt berühren, ist dies meist mit ethischen Herausforderungen verbunden, erläutert Dr. Bettina Williger weiter. Eine ethische Betrachtung hilft, kritische Fragen der Techniknutzung zu durchdenken und nachfolgende Entscheidungen zu vertreten. Grundsätzlich sollte die Lebensqualität der Pflegebedürftigen oberstes Ziel des Technikeinsatzes in der Pflege sein; er kann aber auch dazu beitragen, die immer knapper werdenden personellen Ressourcen in der Pflege besser einzusetzen und die erwünschte Qualität zu ermöglichen. Die Bewertung von Technik, etwa von Pflege-Robotern, wird fallspezifisch ausfallen. Daher ist es wichtig, möglichst frühzeitig eine ethische Betrachtung durch ein interdisziplinäres Expertengremium vorzunehmen. Relevante Aspekte beleuchtet beispielsweise das MEESTAR-Modell zur ethischen Bewertung altersgerechter Assistenzsysteme die Aspekte Fürsorge, Selbstbestimmung/Autonomie, Sicherheit, Privatheit, Gerechtigkeit, Teilhabe und Selbstverständnis. Daneben spielen Datenschutzfragen eine Rolle bei einer ethischen Bewertung, fasst die Expertin zusammen.

Prof. Dr. phil. Cornelia Kricheldorff von der Katholischen Hochschule Freiburg bezieht sich insbesondere auf ein Projekt, in dem es um Technikunterstützung bei Demenz im Quartier geht: Sie war eingebunden beim Beirat von mobQdem und ist involviert beim Folgeprojekt Ease-iT. Ihr Institut entwickelt in diesem Kontext ein Curriculum für Pflegekräfte, das vor allem den Abbau von Nutzungsbarrieren zum Ziel hat. „Die Auseinandersetzung mit Fragen der Ermöglichung von Autonomie und der Schaffung von Rahmenbedingungen für Lebensqualität im Alter, auch bei Hilfe- und Pflegebedarf, bestimmt seit Jahren maßgeblich gerontologische Fachdebatten sowie inhaltliche Ausrichtungen und Schwerpunkte in der Forschung“, sagt die Expertin. Wie ist das Ausmaß individueller Wahlmöglichkeiten in der Gestaltung des Alltags, welche Einflussfaktoren bestimmen gelingendes Altern? Neben diesen haben auch Fragen nach geeigneten Rahmenbedingungen und Strukturen Gewicht, die das individuelle Erleben von Sicherheit im Alltag positiv beeinflussen können – speziell dann, wenn Veränderungen im sozialen Umfeld und in der individuellen Lebenssituation zu bewältigen sind.

Die Diskussionsrunde findet am 12. Oktober von 14.30 Uhr bis 15.15 Uhr statt. Sie sind herzlich eingeladen mit unseren Referenten zu dikutiere - stellen Sie Ihre Fragen und teilen Sie Ihren Erfahrungen mit uns!

Dieser Beitrag stammt von Mirjam Bauer und Michael Reiter.

2018-09-26
AAL aus Sicht der Wohnungswirtschaft - Akzeptanz, Befähigung und Erfahrung

"Sächsische Wohnungsgenossenschaften und deren Kooperationspartner beschäftigen sich seit langem mit neuen Wohn- und Versorgungsformen, um den Herausforderungen des demografischen und sozialen Wandels wie Altersarmut, Pflegepersonalverknappung, Infrastrukturdefizite in ländlichen Regionen sowie Erodierung familialer und informeller Hilfestrukturen mit entsprechenden Angeboten bewältigen zu können. Schwerpunkt bildet dabei die Unterstützung des selbstbestimmten Wohnens und Lebens in städtischen und ländlichen Regionen durch bedarfsgerechte bauliche, soziale sowie unterstützende technische Dienstleistungen. Im Rahmen der Forschungsaktivitäten zu diesen Fragen wurden technische Assistenzsysteme entwickelt und erprobt, die inzwischen praxistauglich und am Markt verfügbar sind und von Wohnungsunternehmen erfolgreich eingesetzt werden."

Alexandra Brylok

Dipl.–Psych. Alexandra Brylok studierte Psychologie mit dem Schwerpunktbereich Sozial-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der Technischen Universität Chemnitz. Sie ist seit 2009 Koordinatorin des Konzeptes „Alter leben“ und seit 2011 Referentin für Soziales und Projekte, beim Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V.. Sie betreut ferner soziale, wissenschaftliche und interdisziplinäre Netzwerke und Thematiken (insbesondere auch AAL) innerhalb des Verbandes. Hier ist Sie verantwortlich für die wissenschaftliche Aufarbeitung, Planung und Umsetzung von Projekten mit Kernkompetenzen im sozialen, technischen und baulichen Bereich, Finanzierung, Bestandsbewirtschaftung und Sozialmanagement.

2018-09-24
Freiheit oder Überwachung?

Dr. Bettina Williger studierte Informationswissenschaft und Psychologie an der Universität Regensburg und promovierte am Institut für Psychogerontologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zum Thema Techniknutzung im Alter. Bettina Williger arbeitet seit 2015 als Leitende Wissenschaftlerin bei der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS. Dabei erforscht sie in unterschiedlichen Lebensbereichen (z.B. Pflege, Gesundheit, Arbeit, Nahversorgung) die Effekte der Digitalisierung für den Menschen.

Dr. Bettina Willinger

"Freiheit oder Überwachung? Die Frage ist nicht in einem Satz zu beantworten: vielmehr sollten wir im Einzelfall entscheiden, wann der Einsatz von Technik einen Nutzen für den Pflegebedürftigen und die Pflegekräfte hat. Dabei spielen die Art der technischen Unterstützung, die besondere Pflegesituation, aber auch die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Betroffenen eine große Rolle."

2018-09-19
Das Pflegeinnovationszentrum (PIZ) „Zukunft der Pflege“

Ein Beispiel für das starke Informationsangebot beim AAL Praxiskongress ist der Vortrag „Das Pflegecluster Zukunft der Pflege – Pflegeinnovationszentrum und Pflegepraxiszentren für innovative Pflegetechnik“ von Prof. Dr.-Ing. Andreas Hein am 12. Oktober 2018. Er ist Sprecher des Bereichs Gesundheit des OFFIS – Institut für Informatik und leitet die Abteilung Assistenzsysteme und Medizintechnik im Department für Versorgungsforschung der Universität Oldenburg.

Prof. Dr.-Ing. Andreas Hein

Dieses noch junge Cluster wurde im Juni 2017 ins Leben gerufen. Das Projekt – Teil der Förderlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zum Thema „Mensch-Technik-Interaktion im Kontext Pflege“ – umfasst neben dem Pflegeinnovationszentrum (www.pflegeinnovationszentrum.de) vier Pflegepraxiszentren in Hannover, Berlin, Freiburg und Nürnberg. Es zielt darauf ab, die Forschung zur Technikentwicklung, die Bedarfsanalyse in der Praxis, die Evaluation neuer Technologien, die Qualifikationsentwicklung und die Reflektion von Ethik und Verantwortung zusammenzubringen. „Die Praxiszentren – gestartet im Februar 2018 – sollen, von einem Pflegeanbieter geleitet, existierende Pflegetechniken evaluieren, in einem größeren Umfang verfügbar machen und beweisen, dass der Technikeinsatz etwas bringt. Die Zentren leisten den Transfer in die Praxis, wir als Innovationszentrum hingegen entwickeln innovative Techniken“, erklärt Professor Hein, der mit fünf weiteren Experten den Vorstand des PIZ stellt.

Körperliche Entlastung im Mittelpunkt

Während andere Projekte den Schwerpunkt auf Erleichterungen bei der Pflegedokumentation legen, beschäftigt sich das PIZ mit Entlastung der Pflegenden bei der körperlichen Arbeit – also etwa beim Umlagern und beim Transport. Derzeit, so der Fachmann weiter, geht es insbesondere um den ambulanten Bereich. Hier beklagen die Pflegenden, dass sie allein gelassen werden mit unbekannten Situationen und Konflikten – in oft unstrukturierten Situationen. In diesem Zusammenhang tritt die Frage auf, wie man Pflegende in der Ausbildung hierauf vorbereiten kann. Das ist eine Herausforderung, die künftig in Anbetracht des demographischen Wandels und der Versorgungsengpässe im ländlichen Raum noch an Bedeutung gewinnt.

Nach dem anfänglichen Fokus des PIZ auf dem ambulanten Bereich wendet sich in den folgenden vier Jahren das Hauptaugenmerk auf die Bereiche Stationäre Pflege, Intensivpflege und Pflegedienstzentrale.

Auf dem Weg zu einem Gütesiegel für Technologie

Eine Konferenz in Oldenburg Anfang Juni 2018 zeigte erste Ergebnisse aus dem Praxiszentrum Freiburg: Dort prüften Sensoren in den Betten die Belastungen, die Umlagerungen nötig machen. Ein Real-Labor im Innovationszentrum stellte den Einsatz von Technologien im ambulanten Bereich nach. Konkret wird beispielsweise über Monitoring im häuslichen Umfeld die Situation vor Ort so präsentiert, dass zu erkennen ist, was der Pflegende allein leisten kann – und was nicht. In der Folge kam eine erste Robotikkomponente dazu, die aus der Ferne den allein Pflegenden unterstützt, um seinen Körper zu schonen. Fragen wie „Wie halte ich den Patienten, wenn ich ihn gerade umlagere“; „Kann der Vorgang mit Einsatz eines Roboters körperschonender passieren?“ erläutern diese Demonstrationen.

Das Zentrum in Nürnberg baut einen strukturierten Prozess auf, der Firmen und Forschungseinrichtungen bewertet und evaluiert. Ziel ist ein „Gütesiegel“ für die Praxistauglichkeit und Wirksamkeit, für rechtliche Zulässigkeit und ethische Vertretbarkeit. Es soll ferner eine „Vorprüfung“ in Richtung der Vergütungsmöglichkeiten beinhalten.

Akzeptanz für Technologie aufbauen

Es geht bei diesem Projekt weniger um die Erreichung konkret messbarer Ziele als um die Schaffung von Akzeptanz für Technik in der Pflege, den breiteren Praxiseinsatz, die Schaffung von Evidenz und das Greifbarmachen von Technologien. Prof. Dr. Hein: „Wir wollen ein ‚Was ist möglich-Gefühl‘ bei den praktisch Pflegenden sowie auch in den Leitungsebenen erreichen und den Pauschalvorbehalt gegen den Technikeinsatz aufheben … und zeigen, was möglich ist – mit einer weiteren Konkretisierung im Laufe der Projektjahre.“

Dieser Beitrag stammt von Mirjam Bauer und Michael Reiter.

2018-09-05
Wer bestimmt, welche Assistenzsysteme zugelassen werden?

Der Autor vieler Publikationen zum Heim-, Sozialversicherungs-, Senioren und Wirtschaftsrecht spricht im AAL Praxiskongress über die "Nachhaltige Finanzierung von AAL Lösungen für Pflegeeinrichtungen".

Prof. Ronald Richter

„Technische Assistenzsysteme sind in der stationären Pflege über die Investitionskosten zu refinanzieren. Dazu aber muss die Investition angemessen sein. Im häuslichen (ambulanten) Bereich stehen für Maßnahmen der Wohnumfeldverbesserung pro Maßnahme 4.000,00 € zur Verfügung, wenn nachweislich die Pflege erleichtert oder ermöglicht wird.

Wer bestimmt, welche Assistenzsysteme zugelassen werden bzw. angemessen sind? Entscheidet letztlich der sog. externe Vergleich, also die Antwort auf die Frage, was die Mitbewerber anbieten? Wer bestimmt, was nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch nachweislich die Pflege erleichtert? Wie werden Modellprojekte in die Rechtswirklichkeit überführt?“

Sichern Sie sich Ihr Ticket für den AAL Praxiskongress am 12. Oktober 2018 und erfahren Sie mehr über die Finanzierung von AAL Lösungen.

2018-08-31
Technologie unterstützt Menschen mit Demenz
Prof. Dr. Christophe Kunze

Der Professor für Assistive Gesundheitstechnologien an der Fakultät Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft an der Hochschule Furtwangen zeigt hier Chancen ebenso auf wie Beschränkungen und Barrieren.

Ursachen und Formen neurodegenerativer Erkrankungen weisen eine große Bandbreite auf – und auch das Versorgungsspektrum ist groß. Die Hilfsmittel für diesen unterschiedlichen Bedarf lassen sich in mehrere Bereiche einteilen: Zum einen stehen Systeme zur frühen Unterstützung demenzerkrankter Menschen zur Verfügung, sie zielen auf die Erhaltung der Alltagskompetenz und die Förderung der Selbstständigkeit ab. In die nächste Kategorie fallen Systeme, die in mittleren und späten Phasen der Demenz die soziale Interaktion und den Erhalt der Identität fördern sollen. Daneben gibt es vielfältige Sicherheitssysteme. Die technischen Systeme stehen jeweils für die ambulante und stationäre Versorgung zur Verfügung.

Bandbreite an technischen Lösungen

Als Produktbeispiele für die frühe Unterstützung nennt Prof. Dr. Kunze Erinnerungssysteme wie Medikamenten-Ausgabesysteme, die an die Einnahmezeit erinnern, „Objektfinder“ wie bimmelnde Schlüssel oder Brillen sowie einfache Orientierungshilfen wie Aufkleber und Markierungsschilder an Türen, Regalen und ähnlichen Orten oder auch Teller mit farblichen markiertem Rand. Allgemein handelt es sich hierbei meist um unkomplexe Produkte, mitunter auch digitale Angebote, für das selbstständige Agieren und somit die Verlängerung des autonomen Lebens.

Reicht die Alltagskompetenz für Autonomie nicht mehr aus, so lassen sich Betroffene, Angehörige und ambulant Pflegende mit Sicherungssystemen unterstützen. Hilfsmittel für die frühen wie auch für diese Phasen reichen von der automatischen Herdabschaltung bis zu Notrufsystemen und GPS-Tracking zum Lokalisieren bei Weglauf-Tendenzen bzw. Orientierungslosigkeit. Manche Apps helfen den Erkrankten spielerisch oder über Fotos aus ihrem Leben, ihr Erinnerungsvermögen zu aktivieren – so lassen sich in dieser Phase der sozialen Betreuung die Lebensqualität fördern, die Identität erhalten und die Kommunikation mit anderen aktiv halten. Diese Systeme ermöglichen Risikovermeidung und Reduktion der Krankheitsfolgen, sie bringen mehr Sicherheit auch für Angehörige und einen Wohlfühlfaktor. Einen Überblick über Systeme auch im stationären Bereich kündigt der Experte Interessierten auf dem AAL Praxiskongress an.

Viele der Produkte haben nur kurze Lebenszyklen – das heißt: Hersteller und Produkte sind kurzlebig und müssen immer wieder neu recherchiert und ggf. getestet werden. Produkte zum Finden von Gegenständen sind hierfür ein typisches Beispiel. In Deutschland sind solche Produkte kaum an „üblichen Anlaufstellen“ wie Sanitätshäusern zu erwerben; einige Produkte gibt es nur im Ausland, etwa in Skandinavien oder Großbritannien, bzw. über das Internet zu kaufen. Bei der Beratung zur Auswahl helfen meist auch Beratungsstellen bzw. Pflegestützpunkte nicht weiter.

Ethische Aspekte

Wer entscheidet über den Einsatz von Systemen – Angehörige, Vormund, Arzt? „Die Frage von eigenem Willen und Einwilligungsfähigkeit ist bei Menschen mit Demenz insbesondere in späten Phasen schwierig zu klären“, betont Prof. Dr. Kunze. Beim Technikeinsatz werden in der Praxis oft ethische Fallbesprechungen zwischen Angehörigen und Betreuungspersonen vorgenommen. Bei der Überwachung einer Person durch GPS-Tracking könnte beispielsweise eine Rolle spielen, ob die inzwischen demente Person eher risikofreudig war oder nicht.

Enormer Informations- und Qualifizierungsbedarf

Was können Betroffene und Angehörige tun? Sie sollten Berater, Pflegedienste, Selbsthilfegruppen identifizieren. Allerdings zeigte beispielsweise eine Studie der Hochschule Furtwangen bei Pflegeberatern in Baden-Württemberg: Das Thema assistive Technik „ist wichtig“, aber es kennt sich kaum jemand aus. Das Beratungsangebot muss somit laut Prof. Dr. Kunze dringend ausgebaut werden. „Neben diesen Informationsressourcen ist die Qualifizierung der Fachkräfte nötig, die mit den Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen arbeiten – den Beratern des Seniorenbüros und dem Personal der Pflegedienste. Auch Weiterbildungsmaßnahmen helfen; Kurse gibt es unter anderem an der Hochschule Furtwangen.“ Hilfreich wäre auch, mehr Gestaltungskompetenzen in lokale und kommunale Strukturen zu bringen, ähnlich wie das in Skandinavien geschieht. In diese Strukturen könnten dann technische Systeme stärker eingebunden werden.

Auch an die Kostenträger hat Prof. Dr. Kunze eine Handlungsaufforderung: Von ihnen sollten mehr Impulse kommen – etwa zu Studien für mehr Evidenz.

Finanzierung technischer Lösungen

Bisher tragen Kassen Kosten nur für wenige technische Systeme, vieles wird von Selbstzahlern – Betroffenen bzw. Angehörigen – übernommen, so der Experte., was in der Konsequenz zu sozialer Ungleichheit führt. Neben der Finanzierung bildet auch die Schwierigkeit, einzuschätzen, ob ein konkretes Produkt dem individuellen Menschen mit Demenz hilft, eine Barriere: Wer ein Hilfsmittel finanziert hat, das keine Erfolge bringt, schafft häufig aus Vertrauensmangel kein weiteres an. Verleihsysteme wären besser geeignet als Kauf.

Zum Institut Mensch, Technik und Teilhabe (IMTT)

Prof. Dr. Christophe Kunze ist seit 2015 Vorstand des IMTT an der Hochschule Furtwangen, das aktuelle Forschungsprojekte an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik in den Anwendungsfeldern Gesundheit, Pflege und Teilhabe bündelt. Das Institut entwickelt auch technische Hilfsmittel selbst, etwa zur digitalen Erinnerungspflege. Bedarfserhebung, Konzeption, Evaluierung eigener und fremder Produkte sowie Weiterqualifizierung sind weitere Aktivitäten. Das IMTT hat ein großes Netzwerk, ist jedoch offen für Kooperationen.

Dieser Beitrag stammt von Mirjam Bauer und Michael Reiter.

2018-01-18
Planungen für AAL Praxiskongress gestartet

Technische Assistenzsysteme in der Pflege - was ist erlaubt? Wie lassen sich AAL-Lösungen in Pflegeeinrichtungen finanzieren? Und wie werden technische Hilfen bereits heute erfolgreich in unseren Nachbarländern eingesetzt? AAL aus Sicht der Wohnungswirtschaft - welche Erfahrungen wurden hier bereits gemacht?

Seien auch Sie dabei und diskutieren Sie mti Verbänden, Herstellern und Wissenschaftlern!

Das fertige Programm des AAL Praxiskongress finden Sie ab Mai auf unserer Seite.

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